Wie geht es dir mit deinem Buch, Corinna Sievers?

Es interessiert mich brennend, wie Frauen über Sexualität schreiben – und wie das im Literaturbetrieb ankommt. Diesen Sommer durfte ich die Romane der Ärztin Corinna Sievers entdecken. Corinnas Erzählstimme hat mich so in den Bann gezogen, dass ich mir nach dem Genuss von „Die Halbwertszeit der Liebe“ sofort auch „Vor der Flut“ auf meinen E-Reader laden musste. Corinnas Bücher provozieren zu höchst unterschiedlichen Rezensionen: Wenn Frauen über weibliches Begehren jenseits von Genres wie Softporno oder Liebesroman schreiben, hagelt es schnell Kritik von allen Seiten, da fallen Worte wie „gewagt“, „schlüpfrig“, „Stilblüten“, „pornographisch“, „nicht feministisch“, „wie schaler Sekt“… Ach ja? Machte mich nur noch neugieriger! Bis jetzt habe ich nur bei Rosemary Daniell und Betty Dodson so spannende Einblicke in das Begehren sexuell aktiver Frauen 45plus erhalten.

Corinna Sievers erzählt in jedem Buch ganz nah an den Hauptfiguren, sexuell aktiven Ärztinnen 45plus, mit einer faszinierenden, klinisch-kühlen, schrägen Stimme. Mutig unverblümt und schonungslos wie unter dem grellen Licht der Zahnarztlampe. Ich mag die schrägen Charaktere, das Ärzte-Milieu, die expliziten Szenen, die tabulose Sprache, den kühlen Humor, die Ein- und Ausblicke. Das Einzige, das mir an ihren Büchern nicht gefallen hat, ist, dass sie viel zu früh für mich zu Ende waren. Von dieser Erzählstimme wünsche ich mir noch tausende weitere Seiten Lachen, Mitfiebern, Schaudern, me too, Mitfühlen, Wiedererkennen … Danke, liebe Corinna für deinen Mut, diese Bücher zu schreiben, sie auch zu publizieren – und natürlich für das Interview 😊

Was hat dich am meisten überrascht, als dein Buch draußen war?
Es ist mein fünfter Roman und mich hat wirklich überhaupt nichts mehr überrascht. Dass die Resonanz, nachdem ich 2018 am Bachmannwettbewerb teilgenommen hatte, für das darauffolgende Buch größer sein würde, hatte ich auch erwartet.
Wie hat sich dein Leben durch das Buch verändert?
Sehr wenig. Ich gehe weiterhin jeden Morgen zur Arbeit und komme abends nach Hause. Niemand in meiner Praxis oder Familie verliert ein Wort darüber, dass ich Schriftstellerin bin. Aber vielleicht ist mein Selbstverständnis ein anderes. Dass ich außer Ärztin noch etwas anderes bin.
Haben sich auch Beziehungen verändert?
Ich habe seit 2010, dem Erscheinungsjahr meines ersten Romans „Samenklau“ so viele interessante, lustige, begabte, alkoholsüchtige, depressive und manische Menschen kennengelernt, dass ich diesen Effekt als den Wertvollsten bezeichnen würde.
Was hast du alles Neues gelernt, seit dein Buch draußen ist?
Dass viele Männer sexuell ausgehungert sind (entnehme ich ihren Zuschriften). Und dass der Literaturbetrieb vollkommen unberechenbar ist, wusste ich schon vorher.
Wie begleitet dich dein Buch im Alltag?
Es existiert sozusagen nicht, außer in meinen Gedanken. Manchmal werde ich in der Praxis von Patienten darauf angesprochen, aber selten. Sehr viele Leute lesen ja gar nicht. Hast du immer Folder dabei oder dein Buch? Bist du gut darin, dein Buch überall, wo du hinkommst, zu empfehlen? Wie geht es dir mit Lesungen?
Das mache ich nie. Ich bin nicht stolz. Ich finde, was ich schreibe, grundsätzlich immer noch ungenügend. Aber so ist es doch mit aller Kunst? Glücklich, dass ich schreiben darf, bin ich schon, weil es mir hilft, das Leben auszuhalten. Lesungen machen mir Freude, aber ich habe nur wenige. Veranstalter scheuen sich wegen der expliziten Sexszenen, obwohl ich sie literarisch verstanden wissen will.
Schreiben dir LeserInnen?
Ich bekomme viele Zuschriften in dieser Reihenfolge: Erotische Angebote. Lob. Kritik.
Wie gehst du mit negativen Rezensionen/ Kommentaren zu deinem Buch um?
Solange sie sich die Waage mit den positiven halten, geht es gut. Das war dieses Mal der Fall. Es muss einen Diskurs geben, den gibt es immer.
Was magst du AutorInnen mit auf den Weg geben, die sich gerade durchringen, ihr Buch für die Publikation aufzubereiten?
Sehr sorgfältig am Text arbeiten. Nicht aufgeben, es anzubieten. Nicht erwarten, dass das erste Buch, auch wenn es publiziert wird, irgendjemanden interessiert. Vielleicht das fünfte. Immer weiter schreiben.
Was hättest du gerne schon vorher gewusst?
Wie unsichtbar man lange Zeit bleibt.

Corinna Sievers Bachmannpreis- Lesung : https://bachmannpreis.orf.at/stories/2914748/
fva-Verlag: https://www.fva.de/Corinna-T-Sievers.html
Copyright Autorinnenfoto: Stefan Baumgartner
Cover: fva.de

Frühere Blogbeiträge zum Nachlesen:
Rosemary Daniell: Call me a slut
Betty Dodson: Sex by Design
Sexual Memoirs von Frauen: Über die eigene Sexualität schreiben

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