In den USA finden sich selbst erlebte Geschichten v.a. in den Genres Memoir und Essay. Mehr und mehr boomt auch am deutschen Buchmarkt das Interesse an wahren Geschichten, erkennbar an Labeln wie „eine wahre Geschichte“, „kein Roman“, „Erinnerungen“, „autobiografisch fundiert“ etc.

Tell the truth

Im Memoir werden ausgewählte Erfahrungen und Einsichten auf eine literarisch spannende Art vermittelt. Dabei geht es immer um die Kernfrage der Wahrheit im autobiographischen Erzählen: „Writers must attempt to present events as truthfully as possible and not attempt to deceive the reader in any way.“ (Emilia Prosser) Bei der Diskussion um falsche Erinnerungen, absichtlich getäuschte Leser*innen etc. werden immer auch Fragen rund um die Natur des Erinnerns verhandelt und wie sich Erinnerungen im Lauf des Lebens verändern.

Jede Erinnerung ist eine Erfindung

In Europa fasst das Memoir erst langsam Fuß, bzw. eine europäische Variante davon, das Genre Autofiktion, ausgehend von zeitgenössischen französischen Autor*innen und nun auch immer mehr im deutschen Sprachraum. Das Genre Autofiktion ist eine Mischung aus Bekenntnis und Erfindung, es geht also nicht darum, die reine Wahrheit zu erzählen und streng bei den Fakten zu bleiben. Autofiktion wird häufig eingesetzt, um persönliche (oft sexuelle) Erfahrungen literarisch zu verarbeiten. Die Autor*innen spielen mit der Neugier der Leser*innen und genießen das Versteckspiel: Denn was wahr und was erfunden ist, weiß niemand.

Dem Erlebten eine Form abringen

Als Autorin kann ich aus dem Rohstoff des eigenen Lebens schöpfen, um z.B. aus nicht gelebtem Leben Fiktion zu erschaffen. Aus der Trauer um das nie Gewesene kann ich Sehnsuchtsorte mit Worten malen. Ich kann Erlebtes verdichten, dem Erlebten eine Form abringen, Essenzen destillieren, Szenen beschneiden, amplifizieren, vereinfachen, verknüpfen, neu zusammensetzen, und es in eine Erzählstruktur, in ein Genre einpassen. Worauf es letztendlich ankommt, ist, dass die Autor*in sich beim Schreiben entwickeln und verwandeln kann – und die Leser*in auf diese Reise mitnimmt und ein Stück mit verwandelt.

Lese-Tipps:

Zu den bekanntesten französischen Vertreter*innen der Autofiktion zählen neben Serge Doubrovsky auch Marguerite DurasAnnie ErnauxCathérine MilletAmélie Nothomb, Vanessa Springora etc.

Im deutschen Sprachraum sind z.B. Jenny Erpenbeck, Angelika Klüssendorf, Natascha Wodin, Stefanie Sargnagel, Ela Angerer, Harald Martenstein, Monika Helfer, Ljuba Arnautović und Margit Schreiner zu nennen.

Ebenfalls dem Genre Autofiktion zugeordnet werden Rebecca Solnit, Rachel Cusk, Ottessa Moshfegh, Rachel Kushner, Violaine Huisman u.v.m.

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