Das war’s mit der Euphorie – wo bleibt die Zufriedenheit?

Im Rahmen der SchreibtrainerInnen-Ausbildung TIP verfassen die TeilnehmerInnen Personal Essays, um sich mit einer Reader Response-Haltung mit der Lehrgangslektüre auseinanderzusetzen. Manchmal gelingt es mir, die Autorin eines dieser spannenden Texte zu becircen, den Essay in einen Blogtext zu verwandeln. Voila!

 

Ein Essay über das Kunsthandwerk „Text überarbeiten“
von Eva Bauer

 

 

 Schlagartig ist sie weg.

Die Euphorie, die ich hatte, als ich den Rohtext geschrieben habe.

An ihrer Stelle macht sich Ernüchterung breit.

Meine innere Stimme, nämlich die unangenehm schrille der inneren Kritikerin, fragt sich genervt, was ich da schon wieder fabriziert habe.

Ärger kommt in mir hoch. Über mich und meine Fehler.

Ich zwinge mich, mir den Text laut vorzulesen.

Die eine Passage über die innere Stimme ist doch ganz gut, oder?! Und diese Formulierung ist auch brauchbar.

Schon fange ich an – zum Unterwellen, Streichen, Notizen machen am Ausdruck meines Rohtextes.

Die schrille Stimme wird leiser.

Sie beruhigt sich.

Ich schau nun genauer hin. „Was wollte ich hier sagen?“, hier fehlt doch ein wichtiger Punkt.

Da sollte ich noch erwähnen, dass man den Text vor dem Überarbeiten zumindest eine Nacht liegen lässt.

Meine innere „Kritikerin“ fängt an zu kooperieren und gibt – auf einmal? – nützliche Hinweise, die ich als Schreiberin annehmen kann: „Das ist nicht logisch, da fehlt eine Überleitung …“. Eigentlich eine brauchbare Helferin, denk ich mir. Naja, vielleicht werden wir eines Tages sogar noch Freundinnen.

Beim Tüfteln komme ich in den Flow …

Ich beginne, sogar richtig Spaß zu haben. Ich fühle mich im „Flow“: beim Tüfteln am roten Faden, beim „Aufräumen“ im Schreib-Gedanken-Chaos. Wenn ein Absatz seinen richtigen Platz gefunden hat oder mir ein weiteres Argument eingefallen ist. Ich merke, dass ich in meinem Rohtext viel zu wenig auf die Überarbeitungsphase „Revising“ eingegangen bin.

Mein Rohtext verändert sich immer mehr: Er verformt sich unter meinen schreibenden Händen, weitet sich in die eine Richtung aus, während ich andernorts Passagen kürze.

Das Revising geht schön langsam in das Rewriting über – es vermischt sich. Ein Schritt vor, ein Schritt zurück.

Bis wieder so eine Stelle kommt, wo ich „hänge“ und nicht ganz zufrieden bin. Weil mir ein Beispiel fehlt. Oder ein Vergleich. Weil das „Skelett“ des Textes noch nicht passt. Das ist – in Anlehnung an Peter Elbows Wording für „Three Levels of Revision“ – echte Knochenarbeit für mich.

Judith Wolfsberger formuliert es in ihrem Buch „Frei geschrieben“ freilich eleganter:

Überarbeiten ist ein Kunsthandwerk.

Hmm.  Man muss das Handwerk beherrschen – puncto Stil, Sprache, Struktur und Inhalt.  Und doch hat es im Kleinen auch mit Kreativität zu tun: Wie komme ich auf eine fehlende Überleitung? Auf gute Metaphern? Welchen bildhaften Vergleich kann ich heranziehen?

Wenn ich all das auflöse, bin ich zufrieden.

Welche Formulierung klingt weniger holprig? Da kann helfen, auch auf seine „äußere“ Stimme zu hören und sich den Text laut vorzulesen. Wenn mir die Luft ausgeht, ist der Satz wohl zu lang.

Habe ich in dieser Phase Glück, kann ich zusätzlich auf den Feedback-Schatz von freundlichen Menschen zählen.

Übung macht ja bekanntlich die Meisterin.

In all meinen Berufsjahren habe ich meinen „Handwerkskoffer“ mit den verschiedensten Werkzeugen befüllt. Immer wieder kommen neue wie gerade jetzt im TIP-Lehrgang im Writer´s Studio dazu, alte werden ausgetauscht. Da ein Tipp, dort ein Trick, der das Handwerk erleichtert.

Ich bin zudem schneller und effizienter geworden.

Irgendwann muss ich den Text mal gut sein lassen: nach ein paar Durchgängen, dem abschließenden Textstyling (wo ich mal da, mal dort ein besseres Wort oder passendes Synonym einfüge) und dem wirklich allerletzten Korrekturlesen auf Rechtschreib- und Grammatikfehler.

Ich schicke ihn ab.

Und schlagartig ist sie dann weg, die Zufriedenheit.

An ihrer Stelle kriecht die Angst hoch, dass der Text der LeserIn nicht gefällt.

Aber das ist eine andere Geschichte …

Diese Literatur hilft Ihnen hoffentlich beim Überarbeiten Ihrer Texte genauso weiter wie mir:

  • Judith Wolfsberger „Frei geschrieben“, Kap. 20 „Das Stehvermögen, die erste Version kritisch zu betrachten und ausgehreif zu machen“
  • Peter Elbow „Writing with Power“
  • Doris Märtin „Erfolgreich texten“

Lesen Sie zu diesem Thema auch diesen Blogartikel:

Eva Bauer ist selbstständige PR-Beraterin und Texterin in Wien. Derzeit absolviert sie den TIP-Lehrgang im Writer’s Studio. Dieser Text ist als persönliches Essay im Rahmen des Lehrgangs entstanden.

Text: Eva Bauer
Collage: Johanna Vedral

, , , , , markiert

Ein Gedanke zu „Das war’s mit der Euphorie – wo bleibt die Zufriedenheit?

  1. super schöner text! so leicht und flockig zum lesen und doch gleichzeitig so lehrreich! congrats

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu

4 + 14 =