Wie geht es dir mit deinem Buch, Gerlinde Ehrenreich?

Eine weitere Autorin hat sich den Interviewfragen rund um ihr Buch gestellt. Danke an Gerlinde Ehrenreich, die ihr Buch Eine kleine große Geschichte gemeinsam mit weiteren Autorinnen des punktgenau-Verlags am 8. Dezember bei „punktgenau im Advent“ vorstellen wird.
Was hat dich am meisten überrascht, als dein Buch draußen war?
Die Intensität der Freude in meinem engen und erweiterten Umfeld. Ich bekam sehr herzliche Rückmeldungen von Familie, FreundInnen, KollegInnen und mir unbekannten Personen. Zuerst Gratulationen und Anerkennung, dass ich es geschafft habe, dann zum Buch. Die Intensität überraschte mich. Und auch aus welchen Ecken die sehr positive Resonanz zu Eine kleine große Geschichte teilweise kam, war unerwartet für mich.
Wie hat sich dein Leben durch das Buch verändert?
Ich glaube die Veränderungen vollziehen sich langsam. Sie haben zuerst in meinem Inneren begonnen und zeigen sich zunehmend auch im Außen. Den Wunsch, Schriftstellerin zu sein, habe ich seit meiner Kindheit. Ich lebe also einen Traum. Da ich mein Leben lang – fast durchgehend – für mich geschrieben habe, gehört das Schreiben zu mir. Was sich durch das Buch verändert hat ist, dass ich nun etwas Konkretes teilen kann. Es ist wunderbar, auf das Buch verweisen zu können. Schreiben ist über weite Strecken eine unsichtbare Tätigkeit, für andere ist lange nichts von dem zu sehen, was man macht. Es ist wunderbar, nun etwas Offizielles und Sichtbares, etwas zum Angreifen und Anschauen (und manche haben die Angewohnheit an einem Buch zu riechen 😉 teilen zu können. Gleichzeitig ist das selbst nach einem Jahr noch irgendwie surreal. Echt, das ist „mein“ Buch?!
Haben sich auch Beziehungen verändert?
Beziehungen zu Menschen haben sich mehr durch den Schreibprozess verändert. Ich brauche und suche für das Schreiben oder „Auf-Schreiben“, wie ich es gerne bezeichne, einen ruhigen, geschützten Raum. Für mich ist das Auf-Schreiben auch sehr viel Zuhören und dazu öffne ich mich, so gut ich es kann. Ich schalte auf Empfang. Ich reagiere in dieser Phase viel sensibler auf Geräusche, Gerüche, Sinneswahrnehmungen, bin sensitiver und dadurch verletzlicher. Daher ist es wichtig für mich, den Fokus zu halten und mich in einem entsprechenden Raum aufzuhalten. Das bedeutet Rückzug und viel „all-ein“ sein. Das ist für manche Menschen möglicherweise schwer zu verstehen. Mein Leben hat sich in der Schreibphase dieses Buches viel mehr im Innen als im Außen abgespielt. Während Außen scheinbar nichts passierte, hat sich im Innen unglaublich viel getan. Ich hatte schon immer ein reiches Innenleben, das kommt dem Geschichten-Auf-Schreiben sicherlich zugute. Die Figuren wohnen noch immer in mir, auch wenn sie nun „draußen, in der Welt“ sind. Und ich habe neue Beziehungen gefunden, mit SchreibgefährtInnen, mit denen ich mich regelmäßig in gemeinsame Schreibräume begebe. Das ist eine sehr schöne und bereichernde Erfahrung.
Was hast du alles Neues gelernt, seit dein Buch draußen ist?
Ich schreibe an einem neuen Buch und nehme die inzwischen gemachten Erfahrungen natürlich mit. Das, was ich – hoffentlich – gelernt habe, ist Vertrauen in die Prozesse, die das Auf-Schreiben mit sich bringen, zu haben und dass sie eben so lange brauchen, wie sie brauchen. Was ich – zugegebener Maßen eher ungern – wahrnehme, ist, dass das Buch „vermarktet“ werden will (allein der Begriff. oje) und ich als Autorin dabei aktiv sein soll, dass das offenbar „zum Paket“ dazugehört. Da versuche ich zu lernen 😉 Schließlich soll Eine kleine große Geschichte gefunden werden können und noch viele Menschen erreichen.
Wie begleitet dich dein Buch im Alltag?
Es begleitet mich immer. Abgesehen davon, dass die Figuren nach wie vor in mir sind, habe ich immer ein Buchexemplar dabei. Es ist herrlich, auf Nachfrage und bei Interesse, es einfach aus der Tasche ziehen und herzeigen zu können: „Bitte, mach dir selbst ein Bild“. Ich bin aber nicht so gut darin, mein Buch überall zu empfehlen. Marketing und Eigenwerbung kostet mich viel Überwindung. Manchmal gelingt es mir besser. Ich arbeite daran. Zum Beispiel auch, indem ich deine Fragen beantworte 😉
Bist du stolz? Wie geht es dir bei Lesungen?
Ich bin total stolz, freue mich und bin sehr, sehr dankbar. Ich liebe mein Buch und finde es wunderschön – auch dank des besonderen Coverbildes, das die Künstlerin Míla Fürstová zur Verfügung gestellt hat und seiner Gestaltung. Im Rampenlicht stehe ich überhaupt nicht gerne. Das ist auch meine Herausforderung bei der Bewerbung des Buches. Ich möchte, dass sich die LeserInnen selbst ein Bild von dem Buch machen und möchte eigentlich nicht darüber sprechen. Das Buch spricht für sich. Zudem wünsche mir, dass das Buch im Vordergrund steht und nicht ich. Bei der ersten Buchpräsentation war ich unglaublich nervös. Ich wollte abhauen, Lampenfieber pur, „was habe ich mir bloß dabei gedacht?!“ Die Erfahrung der Präsentation war dann eine sehr besondere. Die Musikerin Nane Frühstückl begleitete die von mir vorgelesenen Textstellen mit ihren wunderbaren Soundimprovisationen. „Es war magisch“, kam als Resonanz aus dem Publikum und einige regten an, ein Hörbuch daraus zu machen. Es war ein sehr realer Moment und verging zugleich wie im Traum. Ich hätte nie gedacht, aber das „auf der Bühne sein“ hatte etwas, es war auch ziemlich toll, machte mich high. Am nächsten Tag ging ich auf einen Berg, um wieder herunterzukommen und auch um der Natur davon zu erzählen, „Hey, unsere Eine kleine Geschichte ist jetzt draußen und wird gelesen!“ Das klingt vielleicht ein wenig verrückt, besonders, wenn man das Buch noch nicht gelesen hat 😉
Schreiben dir LeserInnen? Sammelst du die Leserstimmen?
Ja, ich habe ganz wunderbare Rückmeldungen erhalten und sammle sie und weitere sind willkommen. Die neueste Geburt ist die einer eigenen Website – dort wird sehr bald eine Auswahl der LeserInnenstimmen zu finden sein.
Wie gehst du mit negativen Rezensionen/ Kommentaren zu deinem Buch um?
Bisher habe ich noch keine solchen erhalten (aber ich denke, der Respekt davor war eine der Hürden für das mit dem Buch Hinausgehen), obwohl ich davon ausgehe, dass das Buch nicht allen bisherigen LeserInnen „gefallen hat“. Geschmäcker und Zugänge sind verschieden und das ist auch gut so. Meine Erfahrung ist, KünstlerInnen geben sehr viel von sich in ihren Arbeiten und machen sich damit verwundbar. Ich wünsche mir, dass das anerkannt und achtsam, respektvoll damit umgegangen wird. In den geteilten Schreibprozessen halte ich sehr viel von der Form des freundlichen Feedbacks, das die Textarbeit konstruktiv unterstützen kann.
Was magst du AutorInnen mit auf den Weg geben, die sich gerade durchringen, ihr Buch für die Publikation aufzubereiten?
Den eigenen Prozessen vertrauen, der eigenen inneren Stimme. Mut haben, Geduld und Ausdauer und immer wieder zur Freude zurückfinden. Trotz all den Ängsten, Bedenken und Zweifeln, die sich möglicherweise gerade unmittelbar vor der Publikation noch in ihren kreativsten Ausformungen zeigen können, sich zu sagen: „Nur du konntest diese Geschichte, dieses Gedicht, diesen Artikel, dieses Sachbuch, diesen Text so auf-schreiben. Teile das, denn nur so können andere diesen Aspekt kennenlernen.“ Zudem finde ich ein gutes Lektorat und Korrektorat wichtig, auch dafür sollte man genug Zeit einplanen.
Was hättest du gerne schon vorher gewusst?
Gewusst hab ich’s, aber geglaubt?:-) Es ist groß für eine/n selber, aber nicht unmöglich. Und: Die Welt zeigt sich oft freundlicher und offener, als ich es vielleicht erwarte.

Coverbild: Míla Fürstová
Cover-Gestaltung: Andrea Schiffer
Foto: Linus Miller


Website der Autorin: https://gerlindeehrenreich.net/

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