Monika hätte sich während der Ausbildung zur Schreibtrainerin nie gedacht, wie hilfreich die Textform Essay für sie selbst sein könnte. Zu Beginn der TIP-Ausbildung war ihr diese Textsorte recht fremd und ein bisserl unsympathisch. Dieser Tage schrieb sie einen Essay, weil sie Groll hegte und ihr denkend nicht klar wurde, warum. Erst schreibdenkend verstand sie.

Monika Piber:
Vom Groll über ungebetenes Feedback.
Oder: Peter Elbow lesen!

„Ich habe dich nicht um deine Meinung gefragt.“ „Behalte deinen Senf für dich.“
Zum Glück kommunizierten wir per E-Mail. Herz kühlte ab, Kopf übernahm die Steuerung. Die Finger tippten eine andere Antwort.

Was hatte mich so aufgebracht?

Es war die Korrespondenz mit einer klugen und von mir sehr geschätzten Person. Sie erbat meine Einschätzung zu einer ihrer Angelegenheiten. Ich übermittelte diese und hielt die Gelegenheit für günstig, eine eigene Angelegenheit vorzubringen. Also schickte ich meinen sehr jungen Leistungsprospekt mit auf die Reise. Prospekt ist zu viel gesagt. Es ist bloß eine A4-Seite. Doch ich bin stolz darauf. In dieser Seite kulminieren ein Entscheidungsprozesses, eine Ausbildung, eine Ausprobierphase, ein Akt der Kreation und eine Überwindung. Alles in allem eine Zeitspanne von gut 3 Jahren.

Der Entscheidung, die Ausbildung zur Schreibtrainerin[1] in Angriff zu nehmen, gingen Monate des vielstimmigen Für und Wider voraus. Die Ausbildung währte knapp ein Jahr bis Ende 2019. Shut-Down und social distancing, die Begleiterscheinungen der Pandemie, gaben im Frühjahr 2020 den Anstoß, individuelle Online-Seminare für Unternehmerinnen auszuprobieren. Von den Ergebnissen ermutigt, kreierte ich einen Prospekt und ließ diesen professionell designen. Zu guter Letzt überwand ich mich, den Prospekt flügge werden zu lassen.

Es war nicht das erste Mal, dass ich ein Textwerk, an dessen Genese ich mit Hirn, Stift und Tastatur beteiligt war, in die Welt entließ. Vielmehr ist es mein fast tägliches Brot als Kommunikationsfachfrau eines Unternehmens. Trotzdem sind selbst nach vielen Jahren manche Flügge-Momente aufregende Momente. Jener, als ich meinen eigenen kleinen Prospekt der großen Welt übergab, zählte dazu.

Dieser Prospekt landete nun im elektronischen Posteingang der geschätzten Person. Postwendend die Antwort. Mit einem Änderungsvorschlag. Ich war irritiert. Und sauer. Wie dreist, mir ungefragt Feedback hinzuknallen! Bestimmt war es wohlgemeint. Und möglicherweise auch gut im Sinne von bedenkenswert. Beherzigenswert. Ich war nicht in der Lage, das so zu sehen. Die Entrüstung überwog. Ich empfand die Antwort als übergriffig.

Peter Elbow fiel mir ein. Freewriting-Pabst, Hero vieler Writers-Studionistas, erfahrener Praktiker und kluger Theoretiker zu Feedbackgeben, Feedbackeinholen und Feedbackannehmen.

Er macht uns klar, dass wir klar ausdrücken müssen, welcher Natur das Feedback sein soll, das wir für unseren Text benötigen. Wir, die wir Feedback wünschen, geben vor, ob wir kriterienbasierte oder individuell empfundene Kommentare brauchen. Ob wir an Worten feilen oder zunächst die eigenen Gedanken im Dialog schärfen wollen. Ob wir die Textstruktur zum Thema machen oder diesen oder jenen Absatz.[2]

Peter Elbow öffnete mir die Augen: Ich selbst war Auslöserin meiner Entrüstung! Habe ich zum Ausdruck gebracht, warum ich schicke, was ich schicke? War nicht aufgrund der Korrespondenzphase, in der wir uns befanden, davon auszugehen, dass ich mir Feedback wünsche? Zwar habe ich keinen Feedbackwunsch zum Ausdruck gebracht. Aber auch sonst keinen. Ich übermittelte den Prospekt, weil es sich aus meiner Sicht gerade fügte. Wie unprofessionell. In meiner Rolle als Kommunikationsfachfrau ist es mir selbstverständlich, mitzuteilen, warum ich Mitgeteiltes mitteile. Sodass mein Gegenüber oder die Empfängerin meiner Nachricht am anderen Ende der Leitung beziehungsweise des Glasfaserkabels weiß, warum sie diese Nachricht von mir bekommt. Und was ich gegebenenfalls von ihr erwarte.

Augenblicklich war ich versöhnt. Mit der Situation, mit der geschätzten Person, die zu Unrecht kurzzeitig Zielscheibe meines Grolls war, mit meinem Groll und mit mir selbst.

Autorin: Monika Piber, PR-Fachfrau und Schreibtrainerin, bietet individuelle Online-Seminare speziell für Unternehmerinnen an.

[1] TIP – writers studio, www.writersstudio.at

[2] Peter Elbow, Options for Getting Feedback

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